weltgewandt

Hannah

Am 28.01.2013 ging es los: ich wachte morgens auf, schaute noch einmal nach, ob ich alles Wichtige dabei hatte und fuhr mit meinen Eltern zum Flughafen. Die Zeit war gekommen – ein halbes Jahr Kanada lag vor mir. Am Flughafen angekommen, mussten wir mein Flugticket an einem Automaten ausdrucken, was kein Problem ist. Doch mich hat es seltsamerweise getroffen. Ich war verunsichert, dachte, dass ich jegliche Schwierigkeiten in Kanada nicht meistern könnte. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, war es wirklich lächerlich! Aber ich finde, es ist wichtig, auch das zu erwähnen. Jeder Austauschschüler wird dieses Gefühl einmal erleben. Es ist eine absolute Umstellung, auf sich alleine gestellt zu sein. Das ganze Leben lang stehen die Eltern zur Seite, doch sobald du 10.000 km entfernt bist, können sie nichts mehr für dich regeln. Natürlich geben sie dir Tipps und sind für dich da, wenn du sie brauchst. Dank der heutigen Technologie ist es sehr einfach in Kontakt zu bleiben. Ich habe hauptsächlich Skype, FaceTime und Whatsapp benutzt.

Als ich im Flieger saß, ging es mir mal gut, mal sehr schlecht. Doch als ich über kanadischem Boden war, habe ich mich riesig gefreut! Ich musste zum Immigration Service gehen, um mein Study Permit abzuholen. Leider hat sich meine Laune dadurch geändert, denn ich musste zweieinhalb Stunden stehend warten. Es war etwas schwer, den Mann zu verstehen. Anfangs ist die Umstellung von Deutsch zu Englisch ungewohnt. Schlussendlich hatte ich die Papiere dann in meiner Hand und lief zum Ausgang, wo eine Frau ein Schild mit meinem Namen hochhielt. Sie war sehr nett und hat mir erklärt, wo ich hingehen muss, damit der Autoservice mich zu meiner Gastfamilie bringen kann. Ich war sehr müde, es war schon sechs Uhr abends. Im Auto dachte ich: „In 30 Minuten wirst du die erste Begegnung mit einer fremden Familie haben, bei der du fünf Monate leben wirst.“ Bevor ich nach Kanada kam, hatte ich schon eine Begegnung mit einer Frau vom North Vancouver School District. Sie fragte mich, ob ich vor irgendetwas Angst hätte. Oft antworten Austauschschüler: „Ich habe Angst, dass ich nicht mit meiner Gastfamilie klarkomme“ oder „Ich habe Angst vor dem ersten Schultag.“ Doch meine Antwort war, ich wüsste nicht, wie ich meine Gastfamilie begrüßen sollte. Ob ich sie umarmen oder ihnen die Hand schütteln sollte. Als dieser Moment kam und ich sah, wie meine Gastmutter ein breites Lächeln im Gesicht hatte und ihre Arme weit ausstreckte, war diese Angst verfallen. Ich wurde herzlich empfangen, meine Gastgeschwister (acht und zehn Jahre alt) waren höflich und nett, genau wie mein Gastvater. Mit meiner Gastmutter habe ich mich auf Anhieb gut verstanden. Sie hatte eine sehr positive Ausstrahlung, war gesprächig und machte viele Witze. Die ersten Tage habe ich stundenlang mit ihr geredet. Was sehr wichtig ist, an alle zukünftigen Austauschschüler: fragt nach, wenn ihr ein Wort nicht versteht!

Mein Zimmer war klein, aber fein. Manchmal haben Gastfamilien mehr als einen Austauschschüler bei sich zuhause, sodass man das Bad teilen muss, was bei mir jedoch nicht der Fall war. Die nächsten Tage waren sehr schwer. Ich hatte Heimweh und skypte jeden Tag mit meiner Familie, da ich noch niemanden in der Umgebung kannte. Es waren lange sechs Tage, in denen ich mich einmal in der nahen Umgebung verirrte sowie in Vancouver Downtown. In Vancouver habe ich den Mut gefasst, eine Person nach dem Weg zu fragen und fand schlussendlich doch mein Ziel. Auch das fordert Überwindung. Ich hatte Sorge, dass man mich nicht versteht oder dass ich die Person nicht verstehe. Je öfter man mit Fremden spricht, ob es nach dem Weg fragen, an der Kasse oder im Restaurant ist, desto offener und selbstbewusster wird man. Irgendwann kam der Moment, als es mir sogar richtig Freude machte, mit fremden Menschen zu reden. In Kanada ist es meiner Meinung nach viel üblicher, dass man mit Menschen auf der Straße ins Gespräch kommt. Man bedankt sich zum Beispiel beim Busfahrer, wenn man den Bus verlässt!

Dann kam der große Tag: der erste Schultag in der High School. Der erste Eindruck von der Schule war: typische High School, wie man sie aus Filmen kennt, mit Spinden, langen Fluren, einer Cafeteria und einer großen Fläche. Auf meine Schule gingen 1.600 Schüler, davon ca. 70 International Students. Ich lernte gleich ein paar nette Schüler kennen. Der Unterricht war allerdings teilweise uninteressant, weil ich nicht teilnehmen musste (der Kurs schrieb einen Test). Alles in allem war mein erster Schultag in Ordnung. Ich rate allerdings jedem zukünftigem Austauschschüler: habe keine zu großen Erwartungen. Es gibt nicht viele kanadische Schüler, die daran interessiert sind, sich gut mit dir anzufreunden, häufig aus dem Grund, weil sie wissen, dass du sie verlassen wirst. Sei einfach offen und rede ganz normal mit ihnen. Ein paar Kurse habe ich gewechselt, weil ich den Unterrichtsstoff bereits in Deutschland durchgenommen hatte. Es dauerte ein paar Wochen, bis ich alle Aufgaben verstehen konnte. Ich fand es sehr schade, dass die Klasse fast gar nichts zum Unterricht beigetragen hat. In Deutschland war ich es gewohnt, mich zu melden und Beiträge zu leisten, doch in Handsworth hat der Lehrer den Unterricht alleine geführt.

Ich habe mich anfangs sehr gut mit einer kanadischen Mitschülerin angefreundet, doch es hielt nicht lange an, weil ich mich auch mit anderen Kanadiern anfreundete. Diese waren in der elften Klasse, die ich durch eine andere deutsche Austauschschülerin kennengelernt hatte, die schon seit fünf Monaten auf die Schule gegangen war. Ich fing an, mich mit der Freundesgruppe sehr gut zu verstehen, habe mich fast täglich mit ihr getroffen (sie wohnten alle im Umkreis von 3-15 Minuten zu Fuß). Zu diesem Zeitpunkt war ich ca. anderthalb Monate in Kanada. Wir haben viel zusammen unternommen während der spring break, den kanadischen Osterferien. Die Gruppe bestand mit mir und der anderen Deutschen aus elf Leuten (neun Jungs und zwei Mädchen). Ich hatte in dieser Zeit nie Langeweile, denn nach der Schule konnte man immer etwas unternehmen. Ob Starbucks, frozen yoghurt Essen gehen, oder bei jemandem zuhause den Tag verbringen – irgendetwas habe ich gemacht, um mir die restliche Zeit bis zum Dinner um 18:00 Uhr in meiner Gastfamilie zu vertreiben. In der Schulwoche durfte ich bis 21:30 Uhr draußen bleiben, an den Wochenenden bis 23:30 Uhr. Der curfew (Ausgangssperre) wird von der kanadischen Partnerorganisation bzw. von der Gastfamilie festgelegt und hängt vom Alter des Schülers ab.

Besonders gut in North Vancouver ist, dass man ganz spontan entscheiden kann, was man macht. Es ist alles in der Umgebung und alle 20 Minuten kommt ein Bus, der entweder nach Vancouver Downtown, West Vancouver oder an die Seabusstation fährt. Somit sind wir auch mal abends noch ins Kino oder ins Schwimmbad gegangen.

Ende April fuhr ich mit der kanadischen Partnerorganisation für ein Wochenende nach Seattle zum Shoppen und Sightseeing in der Innenstadt. Dort habe ich viele internationale Austauschschüler von anderen Schulen in North Vancouver kennengelernt. Mitten in Seattle habe ich einen typisch deutschen Laden gesehen. Dort konnte man Kinder-Schokolade, Lindt, Leibniz, Sauerkraut und alle möglichen deutschen Spezialitäten kaufen. Es war ein besonderer Moment. Für kurze Zeit habe ich mich wie zuhause gefühlt. Seattle ist eine wunderschöne Stadt, vom Aussehen und Klima her fast genau wie Vancouver. Die Mitarbeiter der kanadischen Partnerorganisation waren alle sehr nett. Vor allem mit meinem guardian habe ich mich super verstanden. Der guardian ist die Person, die die Vormundschaft für den Austauschschüler übernimmt. Mein guardian hat mir bei Problemen wie der Auswahl eines Laptops geholfen. Jedes Mal, wenn ich das Büro von FCI (First Choice International) betrat, wurde ich herzlichst begrüßt. Ich konnte spüren, dass sie alle ihren Job sehr gerne machen!

Als kurz nach dem Ausflug dann die Tennissaison angefangen hat, habe ich mich im Schulteam angemeldet. Es war eine tolle Zeit, denn die Tennisgruppe war sehr nett und es war eine gute Möglichkeit, neue Bekanntschaften zu machen. Hinzu kommt, dass wir den zweiten Platz in der Spielrunde belegten!

Sobald man sich gut eingelebt hat, vergeht die Zeit wie im Flug. Als genau die Hälfte meiner fünf Monate vorbei waren, hatte ich ein komisches Gefühl. Ich fragte mich, wie die Zeit so unglaublich schnell vorbei gehen kann. Man bemerkt es überhaupt nicht! Ich habe mich so gut mit meinen Freunden angefreundet. Die Schule war wirklich einfach, ich musste nicht viel lernen und wenn ich ganz ehrlich bin, wird es nicht so ernst genommen als International Student. Da die report card in Deutschland nicht zählt, habe ich mir nicht die größte Mühe gegeben. Trotzdem hatte ich einen Durchschnitt von ca. 82 %, womit ich sehr zufrieden war. In den meisten Fächern hatte ich großen Spaß, besonders in Kochen und Sport. Wie ich bereits erwähnt habe, hatte ich aber nicht viele Freunde aus meinen Kursen. Umso besser habe ich mich dann mit den wenigen verstanden! Mit meinem Sitznachbar in Science hatte ich interessante Konversationen und mit meiner Badminton-Partnerin in Sport gab es immer etwas zu Lachen. Ich war die meiste Zeit in Kanada fröhlich und unbeschwert. Ich hatte glücklicherweise kein Heimweh zwischendrin. Ich war viel zu beschäftigt als daran zu denken, wie es jetzt wohl zuhause wäre. Selbstverständlich ist kein Tag vorbei gegangen, an dem ich nicht an meine Familie gedacht habe. Auch wenn ich mich in meiner Gastfamilie wohlgefühlt habe, kann sie die echte Familie nicht ersetzen. Leider haben sie mit mir nichts unternommen, wie z. B. einen Tagestrip. Insbesondere haben mir meine Liebsten an meinem Geburtstag gefehlt. Es ist Tradition bei uns, dass morgens ein selbstgebackener Geburtstagskuchen auf dem Tisch steht. Dieses Mal habe ich am darauffolgenden Tag eine Eistorte bekommen. An meinem Geburtstag bin ich mit meinen Freunden in die Spaghetti Factory zum Abendessen gegangen. Danach haben wir bei einem Freund zuhause Spiele gespielt. Es war ein sehr schöner Tag! Doch mit meinem Geburtstag war der letzte Monat meiner Auslandszeit angebrochen…

Mein bester Freund in Kanada wohnte nur zweieinhalb Minuten von meinem Haus entfernt. Wir haben uns abends, wenn uns langweilig war, an der Elementary School Canyon Heights getroffen. Es war der perfekte Treffpunkt für mich und meine Freunde, weil wir alle gleich weit entfernt von der Schule wohnten. Er hat mir Baseball beigebracht, bei meinen Hausaufgaben geholfen und mit mir über meine Sorgen diskutiert. Speziell in den letzten Wochen vor meinem Rückflug trafen wir uns so oft es geht, denn wir wussten beide, dass wir uns danach für lange Zeit nicht mehr sehen können. Ich bin wirklich froh, dass ich ihn kennengelernt habe, denn wir können uns alles erzählen, über alles lachen und dank ihm rede ich immer noch oft Englisch. Wir haben oft darüber geredet, dass wir in Kontakt bleiben müssen und uns überlegt, wann wir uns wieder sehen können. Wenn die letzten Wochen anbrechen, macht man sich darüber wirklich Gedanken. Auf der anderen Seite habe ich wieder mehr mit meinen Freunden aus Deutschland geschrieben. Die Vorfreude, sie wiederzusehen, stieg enorm an. Durch dieses halbe Jahr habe ich erkannt, wer meine richtigen Freunde sind. Das hat nichts damit zu tun, wer sich am öftesten meldet, sondern ob man sich meldet. Ich war wirklich nicht sauer, wenn ich mit guten Freunden nur alle zwei Monate geschrieben habe. Es kommt wirklich darauf an, was sie schreiben. Es hat mich sehr gefreut zu hören, dass man sich darauf freut, mich wiederzuhaben. Oder wenn man wirklich mal nachfragt, was ich so mache, wie meine Gastfamilie mit mir umgeht, wie es in der Schule läuft. Ich habe mich die ganzen Monate fast bei niemandem gemeldet, was auch an der Zeitumstellung von neun Stunden liegt. Zur Mittagszeit in Kanada schläft jeder aus Deutschland noch. Ich kann es nicht nur darauf schieben, der zweite Grund ist: ich habe nicht daran gedacht. Ich wurde so gut aufgenommen von meiner Gastfamilie und von meinen Freunden und habe die komplette Zeit in Kanada genossen.

Ursprünglich wäre ich am 28.06.2013 zurückgeflogen, doch stattdessen kam meine Familie am 29.06. nach Vancouver, um sicherzustellen, dass ich auch wirklich nach Hause komme. Die Begrüßung war unglaublich emotional. Das Gefühl, die wichtigsten Personen meines Lebens wieder in den Armen zu halten, war wunderschön. Noch am selben Abend haben wir alle zusammen bei meiner Gastfamilie zu Abend gegessen. Am Tag darauf fand ein großes BBQ mit sechs verschiedenen Familien bei einem Freund statt. Somit hat meine Familie alle Menschen kennengelernt, mit denen ich den Großteil der fünf Monate verbracht hatte. Wir waren drei Wochen in vielen Städten in Kanada (Vancouver, Revelstoke, Banff, Jasper, Clearwater, 100 Mile House, Whistler, Victoria und Tofino) und hatten einen wundervollen Urlaub mit vielen schönen Erinnerungen. Ich konnte ihnen Plätze in Vancouver zeigen und hatte genug Zeit um zu erzählen, was ich alles erlebt hatte, schließlich konnten sie an fünf Monate meines Lebens nicht teilhaben. Am Tag des Rückfluges kamen zwei Freunde mit. Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten, als wir uns verabschiedeten. Doch trotzdem bin ich sehr optimistisch, dass wir uns wiedersehen werden.

Ich bereue es keineswegs, diesen Austausch gemacht zu haben. Es war die beste, schönste, emotionalste, spannendste und erfahrungsreichste Zeit in meinem Leben. Es wird immer ein Teil von mir sein, denn es hat mich reifer gemacht und meine Denkweisen verändert. Ich weiß Dinge zu schätzen, die ich früher als selbstverständlich empfunden habe. Ich danke meiner Gastfamilie, mich so nett aufgenommen zu haben, genauso wie meinen Freunden, und allen Menschen, die mir schöne Momente bereitet haben. Organisatorisch hat alles funktioniert, danke dafür an Collin, seine Mitarbeiter und Lynne. Auch ein dickes Dankeschön an die deutsche Organisation weltgewandt, die sich durch ihre persönliche Arbeitsweise von anderen Organisationen abhebt. Ich empfehle weltgewandt jeder Person, die sich für ein Auslandsjahr interessiert! Hannah Lenhardt

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